systhema blog

Vorwort zur systhema 3-23

Liebe Leser*innen,

beim Spazierengehen durch Köln, dieser wunderschönen und potthässlichen Stadt, die es schafft, einen erst im 19. Jahrhundert fertiggestellten Dom als „mittelalterlich“ zu verkaufen, kam uns in einem Anfall von Achtsamkeit die Idee, das zum Thema zu machen, was wir gerade taten: Gehen. Und während wir walkten und talkten, gingen wir auch anderen Dingen nach. Das Thema erleichterte Anschlusskommunikation, es mobilisierte uns zu Gesprächen, bewegte uns und öffnete Assoziationsräume für Beziehungen, Klima, geistigen Stillstand und der Hektik des Alltags, um nur einige zu nennen. Schließlich saßen wir, müde vom Gehen und Uns-Ergehen, in Caros Atelier, aßen schnellgerührten Kartoffelbrei mit Edame; an der Wand ihre Bilder von menschlicher Haut und geschnittenem Rinderfleisch. Da dachten wir: Gehen ist ein mehrschichtiges Thema, nennen wir es doch Mobilität.

Mobilität, allgemein als physische, psychische oder soziale „Beweglichkeit“ definiert, war auch ein Attraktor für potenzielle Autorinnen – selten haben wir einen so hohen Rücklauf bekommen – das Interesse, einen Artikel zu schreiben war groß.

Mobilität verstehen wir als die Bewegung von Menschen und Dingen in Räumen. Etwa in Wohnungen, Praxen, in einer Straßenbahn, im öffentlichen Raum, in einem Land, zwischen den Ländern. Im Außen bewegen wir oder bewegen sich Dinge, Menschen, Ereignisse und manchmal auch nicht. Und auch unser Innen, nennen wir es behelfsmäßig einmal Gedächtnis, ist ein Raum, in dem wir uns bewegen können – wir können durch Gedanken wandern, es bewegen uns Ereignisse emotional und unser Bauch oder die Fingerkuppe des Zeigefingers reagieren, regen sich, bewegen sich, wenn wir von einem Fluss, den wir eventuell nie betreten haben, in den nächsten steigen. Kognition, Emotion, Motivation, irgendwo alles repräsentiert in uns, ruhend in uns, wandernd in uns. Dabei fiel uns auf – auch beim Lesen der Artikel –, dass mit dem Begriff meist eine positive Bewertung einhergeht. „Es muss endlich etwas passieren“, „Es muss ein Ruck durch Deutschland gehen“, „Festgefahrene Denkstrukturen müssen aufgebrochen werden“, „Wann kommt hier endlich einmal was in Bewegung“, etc.? Yeah! „Bewegt euch!“ „Arsch Huh!“ Und doch scheint auch allerorten der Stillstand auf, die Ruhe, die Kontemplation als vermeintlicher Gegensatz?

Frage der Woche: Gibt es Stillstand in Bewegung? Bewegung im Stillstand?

Haja Molter, den wir zum Wiederabdruck eines von uns so geschätzten Texts motivieren konnten, geht auf Spurensuche – woher kommt eigentlich der beobachtbare Zuwachs von Therapie in Bewegung? Schon die alten Griechen … In seinem Text schlägt er den Bogen von der Peripatetik in der Antike (dem „schreibenden Gehen“) zu somatischen Markern der Jetztzeit. Christina Plath hat sich deutlich wegbewegt von der Frage „Was kann Online-Beratung oder Teaching und was kann es nicht?“ zu einer Betrachtung von digitalen Settings im Sinne der liegenden Acht – was, wenn das nicht die Frage wäre, und was wäre, wenn auch das nicht die Frage wäre? Was, wenn wir uns in Richtung digitaler Beratung bewegen, ohne bewegt werden zu müssen?

Tamara Yassery fragt sich, wie Bewegung in die Entwicklung und Darstellung eines Workshopkonzepts zum Thema Gesundheitsorientierung im Rahmen einer Arbeitsmarktmaßnahme kommen kann. Sie bewegt das Spannungsfeld von mindestens zwei Auftragslagen unter der Hypothese der Interdependenz von Gesundheit, Bewegung und Arbeitsfähigkeit. René Röwekamp teilt in seinem Artikel seine Erfahrungen als Koordinator von Peer-Angeboten im Sozialpsychiatrischen Zentrum (SPZ) – hier betreten Menschen mit einer Teilhabe-Einschränkung neuerdings Räume der Planung und Umsetzung der Hilfen – die für sie bestimmt sind. Sie sprechen plötzlich mit. Was bewegt sich dann in den (be)stehenden Systemen? Michaela Recht beschreibt anhand von drei Fallbeispielen die Bedürfnis-Balance der einzelnen Akteurinnen in der Pflegekinderhilfe. Ihr Beitrag zeigt detailliert Methoden auf, die entstehenden Mikro- bzw. Makrobewegungen zu begleiten, welche in Herkunfts-Pflegefamilien- Figurationen entstehen können.


Neda Mohagheghi fragt sich, wie viel Beweglichkeit in der Prozessbegleitung nützlich ist, um Unterschiede anzuregen. Die drei Bewegungsräume „Lehre“, „innere Konstruktionen“ und „Klientinnensysteme“ werden anhand eines Praxisbeispiels verdeutlicht, in dem eine Beratung in der eigenen Wohnung durchgeführt wurde. Eine Grenzüberschreitung? Ein No-Go oder ein Go-Ahead? Beate Linnemann geht dem Verhältnis von Mobilität und Stillstand aus dem Blickwinkel der Psychotherapie nach. Vor phylogenetischen und ontogenetischen Folien reflektiert ihr Artikel Vorteile und Nachteile verschiedener Mobilitätszustände anhand der Beschreibungen von Zuständen, die als „Depression“, „Burn-out“ und „Trauma“ beschrieben werden.

Und auch am IFW ist Bewegung allerorten spürbar. Schön und schmerzhaft. Wir beide werden das systhema-Redaktionsteam verlassen, um anderen Aufgaben nachzugehen und den Weg frei für Neues zu schaffen. Gleichzeitig verabschieden und würdigen wir Karin Nöcker, Claudia Terrahe-Hecking und Stephan Theiling als Gesellschafterinnen des IFW in diesem Heft. Wir haben Kolleg*innen motiviert, Würdigungen zu schreiben. Wir hätten das nicht so gut schreiben können, auch nicht im Gehen – alle drei haben uns beide begleitet, ausgebildet, geprägt und bewegt. Ihr seid und wart sehr wichtig für uns. Wir sind sehr berührt, umarmen Euch herzlich und wünschen Euch ein schönes Leben.


Ach, Mensch

Jens Förster und Caroline Schilling